Soziale Arbeit

Vorsicht Vorurteil: Weltretter im Sitzkreis

Über viele Berufsfelder und Studiengänge kursieren wilde Gerüchte und Vorurteile. André räumt ein für alle Mal mit den Klischees über Soziale Arbeit auf.

 

Vorurteil 1: Der schnöde Mammon interessiert euch nicht. Ihr arbeitet einzig und allein, um die Welt zu verbessern.

Es ist schon wahr: Wer in der Sozialen Arbeit zu Hause ist, hat nicht die Absicht, mit seiner Yacht die sieben Weltmeere zu erobern. Das Tretboot auf dem Phönixsee tut es da sicherlich auch. Ein Blick in den Kühlschrank bestätigt, dass hier der Reichtum nicht zu Hause ist. Meine Vorstellung vom Vorzeigestudierenden der Sozialen Arbeit hat sich bereits nach kurzer Zeit zerschlagen. Denn statt Bio-Gemüse, Chiasamen und Sojamilch lebt es sich dann doch eher „Gut und Günstig“. An dieser Stelle einen Riesendank an Dr. Oetker und die Erfindung der Tiefkühlpizza! Aber sowas nimmt man gerne in Kauf. Zumindest in der Studienzeit. Hinterher darf es dann doch etwas mehr sein. Natürlich ohne den Blick für die Realität zu verlieren. Unbezahlbar sind dagegen der Spaß und der Glanz in den Augen der Kinder. Unbezahlbar sind auch all die guten Taten, mit denen man die Menschen unterstützt. Hierdurch wird das Portemonnaie vielleicht nicht schwerer, doch der so angehäufte Reichtum ist mit allem Geld der Welt nicht zu bezahlen.

Vorurteil 2: Hand aufs Herz – mit dem Anspruch eines MINT-Studiengangs kann euer Studium nicht wirklich mithalten, oder?

Natürlich nicht. Ich sitze sowieso nur hier, weil ich im BWL-Studium keinen Platz bekommen habe und nicht wusste, was ich später sonst mal werden möchte. Aber so schlecht habe ich es dann auch nicht getroffen: Malen nach Zahlen und Topfschlagen sind nur ein paar Highlights auf dem Semesterplan. Nur, das mit dem Malen nach Zahlen habe ich mir irgendwie anders vorgestellt: Dieses Paragraphenzeichen ist gar nicht so einfach zu malen. Und dieses Bild. So riesig. Als Kind gingen die Felder nicht bis §1009 ff. Wer jetzt denkt, das sei alles nur Kindergarten, hat Unrecht: Tatsächlich munkelt man in Fachkreisen, dass man die Soziale Arbeit inzwischen als semi-professionell ansieht.

Vorurteil 3: Ecken sind euch zu aggressiv – daher macht ihr auch so gerne Sitzkreise.

Genau. In diesen sitzen wir dann mit den Kindern, Eltern, oder anderen Klienten und planen die Rettung der Welt. Dabei dürfen Kerzen, Räucherstäbchen, eine Kanne Tee und die Diskussionsdecke nicht fehlen. Wie sonntags bei Oma zum Mittagessen quasi. Aber auch nur quasi. Während Jonas versucht, via Zeichensprache dem gegenübersitzenden Peter zu fragen, ob er heute Zeit hat, und die kleine Jessica der Franziska die Haare flechtet, kommst du nicht zum Ausreden, weil der kleine Oscar ständig meint, alles besser zu wissen, und dich unterbricht. Endlich hast du es dann geschafft. Nach 17 Minuten konntest du deine acht Sätze zum Thema Verhalten in der Einrichtung übermitteln. Nach nicht mal fünf Minuten geht das eben besprochene Fehlverhalten wieder los, während du versuchst, einem Mädchen den Klebstoff aus den Haaren zu zerren. Gut, dass es Sozialarbeiter gibt. Ziele wie Resozialisierung oder Integration funktionieren nicht von selbst und bedürfen weitaus mehr als nur einer gemütlichen Runde im Kerzenschein. Und wer glaubt, Soziale Arbeit gleicht dem bezahlten Kaffeetrinken, den darf ich an dieser Stelle gerne enttäuschen.

 

André ist 23 Jahre alt und studiert seit dem Sommersemester 2018 Soziale Arbeit an der IUBH Duales Studium in Dortmund. In seiner Freizeit beschäftigt er sich gerne mit Fußball, Darts und Comedy. Außerdem begeistert er sich für Fremdsprachen, spricht inzwischen fließend Niederländisch, und sein nächstes Ziel ist es, fließend Spanisch zu sprechen.

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