Speed Reading

Speed Reading im Studium: Komplexe Texte schneller lesen und verstehen

Du fühlst Dich gestresst vom Lesepensum in Deinem Studium? Vielleicht ist Speed Reading die Lösung für Dich. Wie Studierende der IUBH diese Technik für sich nutzen können, verrät Jonas Ritter, Trainer für effektives Lesen.

 

Herr Ritter, erklären Sie bitte kurz das Prinzip des Speed Readings.

Jonas Ritter: Speed Reading basiert auf der Erkenntnis, dass sich neuronale Schaltkreise im Gehirn und deren Verarbeitungsprozesse verbessern lassen. Diese Veränderungen sind äußerst beeindruckend: Genauso wie wir beim Gewichtheben unsere Muskelkraft oder durch Sprints unser Lauftempo erhöhen, können wir im Speed Reading mit vergleichbaren Mitteln unsere kognitive Leseleistung erheblich verbessern. Lesen allein genügt hierfür allerdings nicht. Was wir brauchen, sind die richtigen Trainingsimpulse. In der Wahl dieser Impulse unterscheiden sich die verschiedenen Methoden des Speed Readings.

Sie selbst haben eine eigene Methode zum Schnelllesen entwickelt. Worin besteht hier die Besonderheit?

Ritter: Meine Speed-Reading-Methode zeichnet sich durch die sehr pointierten Trainingsimpulse aus: zum Beispiel das Lesen im Takt, mithilfe eines Metronoms. Die Leserinnen und Leser lernen so, regelmäßige „Lese-Sprints“ in ihren Alltag zu integrieren und damit ihre Lesegeschwindigkeit zu erhöhen. Ähnlich wie beim Sport ändert sich dadurch die neuronale Fitness. Im Gegensatz zum Sport treten die Ergebnisse jedoch viel schneller ein. Nach bereits ein bis zwei Tagen intensiven Trainings lesen Kursteilnehmer in etwa doppelt so schnell, bei mindestens gleichem Textverständnis und stabiler Texterinnerung. Nach drei bis sechs Wochen ist die neue Leseleistung stabil.

Texte schneller lesen und verstehen können das klingt erst einmal fantastisch. Wie haben Sie denn Speed Reading für sich entdeckt und sind zum Coach geworden?

Ritter: In meiner späten Jugend überkam mich ein starker Wissensdurst. Jedes Mal, wenn ich eine Buchhandlung betrat, war ich überwältigt von der Wissensmacht, die mich umgab. Ich dachte mir, wie fantastisch es wäre, einen Großteil davon wirklich zu lesen. Ich musste jedoch erkennen, dass mir dafür die nötige Lese-Power fehlte. Mein Lesetempo war zu langsam, meine Konzentration und Ausdauer zu schwach. Um das zu ändern, entwickelte ich in einer jahrelangen Obsession mein eigenes Trainingsprogramm. Dies wiederum stieß schnell auf das Interesse meiner Kommilitonen, und so wurde ich schließlich Trainer für effektives Lesen.

Welche Rolle kann Speed Reading Ihrer Erfahrung nach für Studierende spielen?

Ritter: Das kommt auf die Methode an. Mit Auftraggebern wie der Max-Planck-Gesellschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft oder dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt habe ich mein System verstärkt auf Wissenschaftler ausgerichtet. Ein Großteil meines Trainings zielt daher darauf ab, unabhängig von der Geschwindigkeit besser, klüger und strategischer zu lesen. Es geht darum, komplexe Texte richtig zu verstehen, entscheidende Kernaussagen herauszufiltern und in Erinnerung zu behalten. Wer all das beherrscht und an seiner Lesegeschwindigkeit feilt, kann sein Studium deutlich effektiver gestalten. Das häufigste Feedback unserer Seminarteilnehmer lautet übrigens: Hätte ich das doch nur schon zu Beginn meines Studiums gelernt.

Ist es möglich, das schnell Gelesene auch im Langzeitgedächtnis zu behalten?

Ritter: Beim Lesen ist es grundsätzlich wichtig, das Gelesene zu wiederholen. Markierungen, Notizen sowie verbale Zusammenfassungen zu einem späteren Zeitpunkt gewährleisten Langzeiterinnerung. Bleiben solche Wiederholungen aus, gerät das Allermeiste wieder in Vergessenheit – egal, ob wir es langsam oder schnell gelesen haben. Das alles jedoch erfordert Zeit – Zeit, die langsame Leser meistens nicht mehr übrig haben. Das einmalige Lesen dauert schon so lange, dass an eine ordentliche Nachbearbeitung und Wiederholung kaum mehr zu denken ist. Schnellleser sind da klar im Vorteil.

Kann sich jeder Leser das Speed Reading aneignen?

Ritter: Soweit mir bekannt ist, ja. Selbst Legastheniker verzeichnen gute Erfolge mit unserem Speed-Reading-Training. Manche verbessern ihre Leseleistung in einem zweitägigen Training sogar mehr als nach jahrelanger klassischer Legasthenie-Therapie. Der Grund liegt vermutlich darin, dass bestimmte Problemprozesse im Gehirn durch das Training einfach umgangen werden. Eine intensive Erforschung dieses Phänomens fände ich äußerst spannend.

 

Jonas Ritter ist 38 Jahre alt, seit 16 Jahren Trainer für effektives Lesen, und lehrte sein Trainingssystem „Ritter Speed Reading“ unter anderem an der Harvard Universität. Mittlerweile leitet er seine Kurse hauptsächlich im deutschsprachigen Raum. Jonas Ritter wohnt in München. Zu seinen Hobbys gehören Schach, Boxen und – wen wundert‘s – Lesen.

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Ein Kommentar

  • Eine höhere Lesegeschwindigkeit ist sicherlich ein großer Mehrwert, allerdings ist das ähnlich wie mit dem Wissen. Viel zu wissen, hilft einem im Leben nicht weiter, sondern das Wissen in der Praxis auch anzuwenden und hier meine ich nicht, in einer Prüfung das Wissen abzurufen. Neben der Lesegeschwindigkeit ist auch eine hohe Aufmerksamkeitsspanne von Bedeutung. Diese erreicht man, in dem man sich nicht ablenken lässt. Ablenkungen sind heutzutage ein großes Problem. Dazu habe ich einen Beitrag verfasst: https://business-and-science.de/schreibblockade-prokrastination/
    Das Interview war auf jeden Fall spannend.

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