Radikalisierungsprozesse

„Sensibel gegenüber Veränderungen sein und Hilfe holen“

Im Gespräch mit Kemal Bozay, Professor für Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften an der IUBH Duales Studium, über Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen und wirksame pädagogische Konzepte, um rechtzeitig eingreifen zu können.

 

Den Medien entnehmen wir vermehrt radikale Tendenzen in Deutschland, gerade im rechtsextremistischen oder antisemitischen Bereich. Welche Gefahren birgt diese Entwicklung?

Kemal Bozay: Tatsächlich haben radikale Einstellungen in Deutschland in den letzten Jahren an Dynamik gewonnen: Die aktuelle Autoritarismus-Studie der Leipziger Sozialpsychologen Oliver Becker und Elmar Brähler belegt, dass Radikalisierungstendenzen, insbesondere im Kontext von Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Antisemitismus, einen enormen Anstieg verzeichnen. Dafür gibt es viele gesellschaftspolitische, aber auch gruppenbezogene und individuelle Gründe. Problematisch für eine demokratische Gesellschaft ist es jedoch, wenn immer mehr Menschen gesellschaftlichen Zusammenhalt, Vielfalt und Solidarität infrage stellen, sich immer stärker davon abwenden und Gewalt zum Durchsetzen ihrer Ziele nutzen. Die gegenwärtigen radikalen Tendenzen verstärken diese menschenfeindliche Weltanschauung. Betroffen davon sind besonders sozial benachteiligte Personen.

In der Forschung gelten Jugendliche als besonders empfänglich dafür, da sie sich in einer Orientierungsphase befinden. Welche präventiven Maßnahmen empfehlen Sie?

Bozay: Sich aus einer Gruppe ausgegrenzt zu fühlen oder zu einer Gemeinschaft dazugehören zu wollen, kann bei jungen Menschen Radikalisierungsprozesse auslösen. Durch Protest und Provokation schaffen es radikalisierte Jugendgruppen und -szenen, die Gesellschaft herauszufordern. Diese Bewegungen bieten Jugendlichen vermehrt soziale Orientierung – unter anderem durch Zugehörigkeit, Geborgenheit und Politisierung. Diese Entwicklungen stellen sowohl die gesellschaftlichen Institutionen als auch die Soziale Arbeit vor neue Aufgaben. Die Deradikalisierung ist ein mögliches pädagogisches Präventionskonzept, bei dem radikalisierte Personen ihre extremistischen Denk- und Handlungsweisen aufgeben und sich insbesondere von der Gewalt abwenden. Im pädagogischen Sinne benötigen wir daher eine enge Begleitung, Beratung und spezifische Trainings für radikalisierungsgefährdete junge Menschen. Neben eingreifenden Maßnahmen werden auch Beratungs- und Dialogmaßnahmen in der Ausstiegsarbeit mit radikalisierten Jugendlichen benötigt. Hierzu gehört auch die Beratung und Begleitung von Angehörigen. Auf Bundesebene unterstützt die Initiative EXIT-Deutschland Menschen, die dem Rechtsextremismus den Rücken kehren und sich ein neues Leben aufbauen wollen. Auch Programme wie „Demokratie leben!“ versuchen mit Deradikalisierungsprojekten Zielgruppen zu sensibilisieren und zu aktivieren. Bekannt sind ebenso landesweite Präventionsprogramme, wie zum Beispiel Wegweiser oder Beratungsnetzwerke, die sich gegen den gewaltbereiten Salafismus oder Islamismus in Jugendszenen stellen.

Woran kann man feststellen, dass sich jemand radikalisiert?

Bozay: Auf den ersten Blick ist es schwierig zu erkennen, wenn sich junge Menschen radikalisieren. Personen aus dem direkten Umfeld, wie Familie, Freunde, Lehrkräfte und Sozialarbeiter, bemerken diese Tendenzen in der Regel am schnellsten. Klassische Anzeichen sind, wenn sich der Radikalisierte vermehrt zurückzieht, sein Verhalten verändert oder seine neuen, radikaleren Meinungen in Elternhaus, Schule, Jugendzentrum oder Clique äußert.

Was können Freunde oder Angehörige tun?

Bozay: Familie, Freunde und Angehörige sind nicht nur betroffen von Radikalisierungsprozessen, sondern meistens die ersten Anlaufstellen, die Veränderungen bei Jugendlichen beobachten. Wichtig ist, für etwaige Radikalisierungstendenzen sensibilisiert zu sein – um überhaupt zu bemerken, wenn sie auftreten – und in Notsituationen Hilfe zu holen. Derzeit gibt es auf Bundes- und Landesebene verschiedene Deradikalisierungsprogramme und -projekte, an die sich explizit Familien, Freunde und Angehörige wenden können. Hier werden sie anonym beraten und können Informationen und Hilfe einholen. Auch Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Pädagogen können diese Beratungsstellen, Programme und Projekte mit ihren Fragen aufsuchen.

 

Prof. Dr. Kemal Bozay ist seit 2017 Professor für Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften an der IUBH Duales Studium in Düsseldorf. Wenn er nicht gerade ein neues Werk publiziert, liest er in seiner Freizeit und treibt Sport.

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