Reisen in Zeiten des Klimawandels: Wie die Hospitality-Industrie nachhaltiger werden muss

Ob Fridays for Future, Klimapaket oder Flugscham: Das Thema Klimawandel ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und trotzdem bleibt Reisen eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen. Wie kann man Urlaub und Nachhaltigkeit miteinander verbinden? Indem die Branche ökologischer wird. Zu diesem Thema forscht Prof. Dr. Willy Legrand an der IUBH. Der Experte für Nachhaltigkeit in der Hospitalitybranche erzählt im Interview, wie Hotels ihre CO2-Emissionen verringern können und müssen und warum das Thema Nachhaltigkeit schon Teil des Studiums sein sollte.

 

Das Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Wie steht die Hospitalitybranche dazu?

Die Tourismusbranche ist eine der größten Industrien der Welt. 2017 schuf sie rund einen von zehn Arbeitsplätzen weltweit (WTTC, 2018) – und leistet daher einen Beitrag zu klimarelevanten Herausforderungen. Sie ist wiederum direkt von Wetter- und Umweltveränderungen betroffen. Ob es um ein Skigebiet in den Alpen oder um einen Rückzugsort an der Küste an einem malerischen Strand geht: diejenigen, die im Gastgewerbe tätig sind, spüren die Auswirkungen des Klimawandels aus erster Hand. Der Klimawandel bedroht die Branche auf vielfältige Weise, ökologisch, finanziell und sozial.

Angenommen, ein Investor möchte ein neues Resort an der Küste errichten. Dann muss zunächst eine detaillierte Risikobewertung unter Berücksichtigung des Klimaszenarios erfolgen: Was wird in 20, 30 oder 50 Jahren mit dem Meeresspiegel geschehen? Wie wird das Resort beheizt, gekühlt oder belüftet? Gibt es leicht verfügbare Energiequellen? Welche Lebensmittel können den Gästen serviert werden, woher kommen sie und wie kann deren stabile Beschaffung sichergestellt werden? Was passiert mit dem Müll? Und wie stellen wir bei steigendem Meeresspiegel die Verfügbarkeit von Frischwasser sicher?

Ihr Beispiel zeigt, dass das Thema Klimawandel bei Investoren und Hoteliers schon angekommen sein muss. Gibt es hier Vorreiter?

Wenn wir bedenken, dass Nachhaltigkeit sowohl die ökologischen als auch die sozialen und politischen Säulen umfasst, ist es schwierig, sich mit einem einzigen Beispiel zufrieden zu geben. Der Tourismus ist eine globale Branche, und daher geht es darum, dass diese sich gemeinsam den ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen stellt. Aber natürlich gibt es immer wieder Marken und Hotels, die innovative Ansätze zu mehr Nachhaltigkeit finden. Hier nur einige Beispiele:

Die Explorer Hotel Group in Süddeutschland und Österreich verfolgt ein „Passivhaus“- Hotelkonzept. Mit der richtigen Energiebeschaffungsstrategie bedeutet dies CO2-Neutralität. Auch das Boutiquehotel Stadthalle in Wien, Österreich, hat in einem urbanen Umfeld CO2-Neutralität erreicht. Ähnlich wie die Explorer Hotel Group entwickelt sie Passivhäuser und bietet hervorragende Beispiele für Upcycling im Innendesign.

Scandic Hotels zeigt den anderen Hotelketten, was in punkto Barrierefreiheit ihrer Hotels getan werden kann. In Zusammenarbeit mit Gästen mit körperlichen Behinderungen und Menschen mit besonderen Bedürfnissen entwickelte die Kette einen 159-Punkte-Standard, der der Reise eines Gastes durch ein bestimmtes Hotel entspricht.

Daneben finde ich zum Beispiel die modulare Unterkunft „Flying Nest“ von Accor spannend. Sie verwenden Schiffscontainer als mobile Räume, die nur bei Bedarf zusammengestellt werden – eine neuartige ressourcenschonende Methode zur Reduzierung der Baukosten und der damit verbundenen Emissionen fester Grundstücke. Oder das Konzept von Baumhaus-Hotels. Das nachhaltig geführte Resort Baumgeflüster in Norddeutschland spricht z. B. alle an, die ein sogenanntes „Naturmangelsyndrom“ haben, und bietet den Gästen eine großartige Gelegenheit, sich wieder mit der Natur zu verbinden.

Welche Vorteile haben Hotels, die klimafreundlich agieren?

Dazu gehören beispielsweise Kosteneinsparungen sowie steuerliche Anreize für Hotelunternehmen, die in grüne Technologien investieren. Außerdem setzt auch die Hotellerie auf Nachhaltigkeit, um das Image zu verbessern. Ein Hotel, das eine Marktnische durch umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen betritt, kann von einer verbesserten Wettbewerbsposition profitieren – wie es zum Beispiel die bereits erwähnten Baumhaushotels tun.

Ein nachhaltigeres oder verantwortungsbewussteres Management beeinflusst außerdem den Wohlfühlfaktor in den Hotels. Das kann zu mehr Arbeitszufriedenheit, einer besseren Arbeitsmoral der Mitarbeiter und zu einer höheren Attraktivität für potenzielle Mitarbeiter führen – und das ist ein weiteres wichtiges Thema angesichts des derzeitigen Arbeitskräftemangels in Hotellerie und Tourismus.

Die Vorteile klingen sehr handfest – warum hakt es dann oft noch in der Umsetzung?

Zunächst einmal muss in Nachhaltigkeit investiert werden, das scheut viele vor der Umsetzung. Das größte Hindernis ergibt sich aber aus der für die Hotellerie typischen Komplexität von Eigentum, Marken und Betreibern. Die an der Investition und Entwicklung beteiligten Parteien sind nicht die gleichen, die das Hotel später betreiben. Darüber hinaus können die erheblichen Anfangsinvestitionen, die zur Umsetzung einer CO2-Neutralitätspolitik erforderlich sind, dazu führen, dass das Kapital von den kurzfristigen Gewinn- und Wachstumsplänen der Aktionäre abgezogen wird, und sind daher nicht besonders beliebt.

Was muss also Ihrer Meinung nach getan werden, um das Bewusstsein und die Branche zu verändern?

Da ein großer Teil unserer Kohlenstoffemissionen mit der Art und Weise zusammenhängt, wie wir unsere Gebäude planen, entwickeln, bauen, sanieren, aber auch heizen, kühlen und lüften, müssen wir sowohl bei den bestehenden Hotelimmobilien ansetzen als auch bei der Planung und Bau-Pipeline. Dabei geht es vor allem darum, eine bessere Abstimmung zwischen Investoren, Entwicklern, Marken und Betreibern zu fördern, damit Nachhaltigkeit bereits in den ersten Planungsphasen einschließlich der ersten Machbarkeitsanalyse umgesetzt werden kann. Einige Initiativen zur Förderung einer solchen Koordinierung sind bereits vorhanden.

Was bedeutet das konkret für die Ausbildung in Hotels?

Die Welt, in der wir leben, verlangt, dass Hoteliers nicht nur Kenntnisse in den traditionellen Bereichen Operations, Finanzen, Marketing, PR, Technologie und Kommunikation besitzen, sondern zunehmend auch in punkto Umweltmanagement sowie ethische und soziale Verantwortung. Das Curriculum für das Hospitality Management muss daher mit diesem breiten und vielfältigen Themenspektrum Schritt halten.

Interessieren sich die Generationen Y und Z denn für das Thema Nachhaltigkeit in ihrem künftigen Berufsfeld?

Die Millennials wissen, dass wir die Welt und ihre Ressourcen nicht mehr so ​​nutzen können, wie wir es jetzt tun – das gilt auch für zukünftige Hoteliers. In den letzten 15 Jahren habe ich daher versucht, dieser Generation mit Studieninhalten zu Nachhaltigkeit an Hochschulen in den USA, in Südamerika, im Nahen Osten und auch hier an der IUBH das nötige Wissen zu vermitteln. Das Interesse ist sehr hoch und der Wissensstand enorm: Unsere Studierenden hier an der IUBH können Ihnen sagen, dass ein durchschnittliches Hotel in der EU zwischen 200 und 400 kWh / m2 / Jahr verbraucht und dass Grauwasserrecycling kein Hexenwerk ist. Die kommende Generation von Hoteliers ist sich des Umfelds, in dem sie die Branche führen, sehr bewusst – und das stimmt mich zuversichtlich.

 

Prof. Dr. Willy Legrand ist seit 2003 Professor für Hospitality Management an der IUBH. In seiner Lehre konzentriert er sich auf nachhaltige Entwicklung und Nachhaltigkeit in der Hotellerie. Willy Legrand hat zu zahlreichen Publikationen im Bereich des nachhaltigen Tourismus beigetragen. Er ist der Hauptautor von Sustainability in the Hospitality Industry: Principles of Sustainable Operations und hat kürzlich die erste Ausgabe des HospitalityNet World Panel on Sustainability ins Leben gerufen - eine Konferenz, die führende Experten auf dem Gebiet des Hospitality Management zusammenbringt, um relevante Nachhaltigkeitsthemen in der Hotellerie zu diskutieren.

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