Pflegenotstand: Rettung aus dem Ausland?

Im Gesundheitsbereich sind bundesweit mehr als 60.000 Stellen unbesetzt – deshalb haben Bundesregierung und Pflegeanstalten beschlossen, dem Fachkräftemangel mit Arbeitskräften aus dem Ausland entgegenzutreten. Erst kürzlich reiste Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nach Mexiko, in den Kosovo und auf die Philippinen, um dort um Fachkräfte zu werben.

Mümtaz Köksal, Professor für Health Care Management an der IUBH und Experte für das Management von Einrichtungen im Gesundheitswesen, beobachtet seit langem den Gesundheitsmarkt. Im Interview erklärt er, wie dem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen aus seiner Sicht begegnet werden kann.

 

Herr Köksal, Pflegepersonal aus Asien, Osteuropa oder Lateinamerika – kann das die Versorgungslücke hierzulande verringern?

Es ist ja ein Fakt, dass wir hierzulande zu wenig Personal haben – und wenn wir uns die Zahlen in den Berufsschulen und Ausbildungsstätten ansehen, wird sich das auch nicht so bald ändern. Insofern kann ich die gezielte Anwerbung von medizinischen Fachkräften aus dem Ausland grundsätzlich begrüßen.

Der professionell ausgebildete Pfleger aus Rumänien soll also unseren Fachkräftemangel lösen. Ist es in der Praxis so einfach?

Leider nein. Denn Pflege- und medizinische Fachkräfte werden hierzulande vielerorts mit Enttäuschung, Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit konfrontiert.

Warum ist das so?

Medizinische und pflegerische Einrichtungen erwarten von ausländischen Fachkräften häufig sehr schnell einen vollen Einsatz im Arbeitsalltag – ohne Sprachbarrieren, interkulturelle Unterschiede und die individuelle Berufserfahrung zu berücksichtigen.

Wir haben hierzu eigene Studien an der IUBH erstellt. Und die zeigen: Wenn die Krankenschwester aus Indien oder der Pharmazeut aus dem Irak Sprache und kulturelle Gepflogenheiten (noch) nicht ausreichend kennen, schlägt dies oft bei Patienten und deren Angehörigen in Enttäuschung über die Gesundheitsinstitution und in Feindseligkeit gegenüber der mühsam aus dem Ausland rekrutierten Fachkraft um. Patienten sind weniger bereit zu kooperieren. Und damit wird die Qualität der Versorgung sowie die professionelle Wahrnehmung der Gesundheitseinrichtung mitunter erheblich beeinträchtigt.

Was kann man also tun, um den Pflegenotstand erfolgreich anzugehen?

Eine Integration von Fachkräften aus dem Gesundheitsbereich auf dem deutschen Gesundheitsmarkt scheitert häufig an a) unterschiedlichen Qualifikationsstandards b) fehlenden Sprachkenntnissen c) Respekt und Integrationswillen deutscher Arbeitgeber. Aus meiner Sicht ist daher eine verpflichtende Weiterbildung, die gemeinsame Standards schafft, nötig.

Sie sprechen hier von einer berufsqualifizierenden Weiterbildung, die jeder Arbeitnehmer vor Beginn einer Anstellung auf dem deutschen Arbeitsmarkt durchlaufen müsste. Das klingt erst mal recht anstrengend. Wer würde davon profitieren?

Diese Weiterbildung würde sich für alle lohnen! Zunächst einmal für die Fachkräfte selbst: Durch Erlangung einer deutschen berufsqualifizierenden Weiterbildung mit einem auf die Bedürfnisse der Fachkräfte zugeschnittenen Bildungsprogramm würden wir eine nachhaltige Integration in das deutsche Gesundheitswesen schaffen und damit einen erfolgreichen Start auf dem deutschen Arbeitsmarkt gewährleisten.

Deutsche Gesundheitseinrichtungen und die deutsche Gesellschaft würden profitieren. Denn mit der Investition in Integrations- und Weiterbildung kann eine Wiederholung der Fehler aus der ersten Gastarbeiteranwerbung in den 1950/60er Jahren vermieden werden, und es können Fachkräfte langfristig an Deutschland gebunden werden. Gesundheitseinrichtungen könnten erhöhte Fehlzeiten und hohe Fluktuationsraten bei ausländischen Fachkräften reduzieren und Kosten für Personalakquise sowie Einarbeitungskosten vermindern.

Und langfristig gesehen hätte auch das Heimatland etwas davon. Im Sinne der so-genannten „Circular Migration“, d.-h. der langfristigen Perspektive auf eine Wiedereingliederung in den heimatlichen Arbeitsmarkt, könnten Weiterbildung und Berufserfahrungen in Deutschland die Strukturen im Bereich von Einrichtungen im Gesundheitswesen im Heimatland stärken.

 

Prof. Dr. Mümtaz Köksal ist seit April 2016 an der IUBH Internationalen Hochschule tätig und unterrichtet dort im Bereich Health Care Management am Campus in Bad Honnef. Er promovierte zunächst in Medizin und erwarb anschließend einen Master in Health Care Planning and Financing. Mümtaz Köksal sammelte praktische Erfahrungen im Gesundheitswesen, u.a. als Unternehmensberater sowie in über 13 Jahren in leitender Funktion mit Personalverantwortung in der MediClin Krankenhausgruppe.

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