Aviation Management

„Die Branche ist in permanenter Bewegung. Aber gerade das macht die Sache so spannend“

Luftfahrtexperte Prof. Dr. Christoph Brützel im Gespräch über den Studien­gang Aviation Management, über die Feinheiten der Betriebswirtschaft – und die Romantik über den Wolken

 

IUBH: Herr Brützel, als Passagier stellt man sich die Fliegerei romantisch vor. Ist sie das auch, wenn man hinter die Kulissen schaut?

Prof. Dr. Christoph Brützel: (lacht) Nein, nicht mal mehr im Cockpit hat das noch mit Romantik zu tun! Luftverkehr ist ein Geschäft im beinharten Wettbewerb, ungeheuer komplex und minutiös geplant. Das hat sich gewaltig verändert.

IUBH: War das noch anders, als Sie angefangen haben?


Brützel: Als ich in den 80er-Jahren anfing, ging das mit der Romantik gerade zu Ende. Dieses Image kommt noch aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, da war der Luftverkehr eine öffentliche Aufgabe und die staatlichen Fluggesellschaften standen weniger im Wettbewerb miteinander. Nationaler Stolz spielte da sicher eine Rolle, aber auch der Teamgeist, der vom Kapitän bis zum Techniker alle verband.

IUBH: Wie sind Sie damals in die Branche gekommen?

Brützel: Meine Frau war bei der Lufthansa, und weil ich selbst Finanzierung und Informatik studiert hatte, bin ich dann dort ins Controlling eingestiegen.

IUBH: Sie sind also ein klassischer Quereinsteiger – ganz anders als die Ab­solventen des Studiengangs Aviation Management, den Sie aufgebaut haben. Hilft denen Ihr sehr spezielles Profil, um in der Branche Fuß zu fassen?

Brützel: Wir sind stolz darauf, dass 87 Prozent unserer Absolventen gleich nach dem Bachelor-Abschluss in die Praxis gehen, weil sie so gefragt sind. Ihre Jobs finden sie nicht nur in Deutschland, sondern zum Beispiel auch bei den großen Airlines im Mittleren Osten, die gerade so rasant wachsen.

IUBH: Aber rein inhaltlich gesehen – ist ein so spezialisierter Studiengang wirklich sinnvoll?

Brützel: Sie haben sicher die Humboldt’schen Ideale im Hinterkopf, wenn Sie diese Frage stellen. Lassen Sie mich mit zwei Aspekten antworten: Erstens ist unser Studium sinnvoll, weil wir darin einen Blick für die gesamte Branche vermitteln. Der ganze Luftverkehr ist sehr stark funktional, der Handling Agent macht seinen ganz eigenen Job – genau so wie der Pilot oder der Triebwerkstechniker. In diesem Umfeld ist es ungemein wichtig, nicht nur sein eigenes Aufgabengebiet zu kennen, sondern auch die Gebiete der Kolleginnen und Kollegen. Nur so kann man einschätzen, welche Auswirkungen die eigenen Entscheidungen quer durch das gesamte Räderwerk haben. Und bei uns bekommen Sie von der Flugsicherung bis zum Frachtverkehr alles mit – das ist eine sehr, sehr gute Voraussetzung für den Einstieg.

IUBH: Und der zweite Aspekt?

Brützel: In unserem Studium spielt die Betriebswirtschaftslehre eine große Rolle. Und wenn man sich anschaut, in welcher Branche man deren Methoden, Verfahren und Denkansätze einmal anwenden und herunterbrechen kann – dann ist der Luftverkehr dafür geradezu prädestiniert. So ein Flugzeug kostet 50 Millionen Euro. Das ist zum Beispiel für die Darstellung in der Investitionsrechnung ganz interessant. Wie prognostiziere ich Cashflows? Oder die Art der Finanzierung – lease ich ein Flugzeug oder kaufe ich es? Welche Auswirkungen hat das auf Steuern, Kapitalfluss und alle anderen Größen?

IUBH: Und dann muss ja auch noch jemand mitfliegen.


Brützel: Ganz genau, und damit sind wir im Bereich des Marketings. Und natürlich des Erlösmanagements: Wie stelle ich sicher, dass ich nicht heute ein Ticket für 100 Euro verkaufe – und dann morgen keines mehr habe, auch wenn jemand 120 Euro bezahlen würde? Alle diese Verfahren sind in keiner Industrie so perfektioniert wie im Luftverkehr. Unsere Absolventen können also gut mit sämtlichen betriebswirtschaftlichen Instrumentarien umgehen.

IUBH: Nun sind Sie selbst schon mehr als drei Jahrzehnte in der Branche unterwegs – gibt es da trotzdem Entwicklungen, die Sie überraschen?

Brützel: Oh ja, das Geschäft ist so komplex, dass ich immer noch in der Lernkurve bin (lacht). Gerade wird zum Beispiel mit dem Modell experimentiert, in dem Flughäfen zu Reiseveranstaltern werden. Wenn Sie heute einen Flug mit Umstieg buchen, steht die Airline dafür gerade, dass Sie den Anschluss auch bekommen. Und dann gibt es jetzt Flughäfen, die genau da einsteigen: Da kommen Sie zum Beispiel mit Gesellschaft A an und fliegen mit Gesellschaft B weiter – und das Umstiegsrisiko übernimmt der Flughafen. Etliche solcher Modelle werden gerade diskutiert, und das wird erheblichen Einfluss haben auf den Luftverkehr und die Allianzen der Fluglinien. Eigentlich ist die Branche in permanenter Bewegung – aber gerade das macht die Sache ja so spannend.

 

Prof. Dr. Christoph Brützel ist seit dem Sommersemester 2009 festes Mitglied des Dozenten-Teams des Aviation Departments der Hochschule. Vorher war er seit 2006 Gastdozent an der Internationalen Fachhochschule in Bad Honnef. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen in den Bereichen Finanzen, Controlling, Operations Management und Projekt Management. Seit 2003 ist er neben seiner Professur selbständiger Unternehmensberater und berät zahlreiche Fluggesellschaften, Flughäfen und Flughafendienstleister.

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