Der virtuelle Hörsaal: Lehren in herausfordernden Zeiten

Prof. Dr. Martina Lütkewitte ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der IUBH. In einem Interview sprach sie mit uns darüber, wie sie ihren Lehransatz so anpasst, dass er angesichts der Covid-19-Restriktionen für Studierende am besten funktioniert.

 

Vielen Dank, dass Sie mit uns sprechen, Prof. Dr. Lütkewitte! Die Hörsäle der IUBH wurden vorübergehend geschlossen und die Vorlesungen in den virtuellen Raum verlegt. Wie haben Sie als Dozentin auf diese neuen Bedingungen reagiert?

Martina Lütkewitte: Ich unterrichte Change Management im MBA-Programm und untersuche, wie Unternehmen und ihre Mitarbeiter mit Veränderungen umgehen und möglicherweise daraus lernen. In diesem Zusammenhang war es toll zu sehen, wie schnell und effizient sich die IUBH mithilfe der virtuellen Lehre an die neue Situation anpassen konnte. Während meine befreundeten Lehrkräfte an anderen Universitäten oder Schulen noch hilflos mit der Digitalisierung kämpften, liefen meine virtuellen Vorlesungen als „neue Normalität“ bereits auf Hochtouren. Die positive Grundeinstellung und „Anpackermentalität“ war wirklich beeindruckend. Das Ergebnis ist, dass das Sommersemester im ursprünglichen Zeitrahmen stattfinden konnte, ohne dass Lehrinhalte verloren gingen oder sich das Studium verlängert.

 

Und wie haben die Studierenden darauf reagiert?

Lütkewitte: Sehr positiv. Sie verstehen, dass die gegenwärtige Situation nicht die Schuld der IUBH ist; im Gegenteil, sie schätzen unsere schnelle und lösungsorientierte Reaktion.
Da ich in diesem Semester nur neue Kurse unterrichte und die Teilnehmer deshalb vorher nicht kannte, war ich vor den ersten virtuellen Vorlesungen etwas nervös: Würde es mir gelingen, eine angenehme Vorlesungsatmosphäre zu schaffen und eine persönliche Bindung zu den Studierenden aufzubauen? Nun, ich merkte bald, dass die Sorge unnötig war: Heute kommt es mir vor als würden wir uns schon ewig kennen! Auch wenn es traurig ist, sich nicht persönlich zu sehen, denke ich, dass die virtuellen Vorlesungen sogar einige Vorteile gegenüber den Präsenzveranstaltungen haben – nicht zuletzt die Zeitersparnis beim Pendeln, sowie die ein oder andere Katze, die über den Schreibtisch eines Studierenden läuft! Ich habe auch das Gefühl, dass meine Studierenden konzentrierter lernen: Alle sitzen in der „ersten Reihe“ und es gibt weniger Ablenkung von den Nachbarn. Trotzdem vermissen natürlich auch die Studierenden den persönlichen Kontakt zu ihren Kommilitonen und Freunden.

 

Sie haben im Rahmen Ihrer Lehrveranstaltungen Gastdozenten hinzugezogen – können Sie uns ein wenig darüber erzählen?

Lütkewitte: Ich habe nach weiteren Chancen gesucht, die der virtuelle Hörsaal bietet, und kurzerhand mein breites Netzwerk genutzt, um Gastredner aus allen Teilen Deutschlands und sogar aus den Niederlanden und Malawi einzubringen – ohne dass einer von ihnen das Haus verlassen musste. Und meine Studierenden waren begeistert!
So gab zum Beispiel der Head of Employer Branding and Recruiting einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft meinen Studierenden des Studiengangs Personalmanagement einen faszinierenden Überblick darüber, wie ein globales Unternehmen neue Talente gewinnen kann – mit vielen Beispielen und Zeit für eine Fragerunde am Ende. Für meinen Projektmanagement-Kurs im dualen Studium freue ich mich schon jetzt auf eine Gastvorlesung, die gegen Ende des Semesters stattfinden wird. Ein erfahrener Trainer und Speaker wird über den Bergrettungsdienst und Basketball referieren und erklären, wie diese Themen mit Projektmanagement zusammenhängen. Ich glaube, dass diese zusätzliche und ungewöhnliche Perspektive den Horizont aller Teilnehmenden erweitern wird.

 

Welcher Gastvortrag war für die Studierenden besonders eindrücklich?

Lütkewitte: Der Gastvortrag, an den sich meine Studenten wahrscheinlich am meisten erinnern werden, war eine Überraschung – und eigentlich auch ein Streich von mir. In meinem MBA-Kurs zu Change Management waren wir mitten im Semester, als ich eine Vorlesung mit der Ankündigung begann, dass kurzfristig ein Freund des Fachbereichsleiters als weiterer Dozent in unserem Kurs dabei sein würde. Dieser erklärte dann, dass er von nun an für die Gruppenpräsentationen verantwortlich sein würde (an denen die Studierenden bereits seit Wochen gearbeitet hatten). Er würde die Gruppen und Themen neu zuweisen, neue Benotungskriterien festlegen und die Frist vorziehen. Welch ein Schock!
Wir ließen die Studierenden einige Minuten lang in dem Glauben, bevor wir zur Erleichterung aller den Streich enthüllten. Dann diskutierten wir, wie sie sich dabei gefühlt hatten und was Unternehmen bei der Kommunikation und Umsetzung von Veränderungen anders machen sollten.

 

Welches Resümee ziehen Sie bisher insgesamt aus der Ausnahmesituation?

Lütkewitte: Alles in allem kamen die Covid-19-Krise und die daraus resultierenden Einschränkungen für alle plötzlich und unerwartet. Sie haben aber auch Möglichkeiten für neue Lehr- und Interaktionsformen eröffnet. Aus meinen Kursen gab es dazu durchweg positives Feedback – sei es in Bezug auf die zahlreichen Gastredner oder auf viele interaktive Arbeitsformen in den Vorlesungen.
Da für uns alle die Situation neu war, konnten wir gemeinsam neue Ideen ausprobieren – und das, obwohl wir uns voneinander fernhalten mussten.

Mehr zu diesem Thema