Experteninterview

„Das Experteninterview wird häufig für eine einfache Forschungsmethode gehalten“

Im Gespräch mit Frank Wernitz, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der IUBH, über seine aktuelle Veröffentlichung zum Thema Experteninterviews im Rahmen der IUBH Discussion Papers und die Auswirkungen der neuen Datenschutzverordnung auf die Forschung.

 

Welche Bedeutung kommt dem Experteninterview in der wissenschaftlichen Forschung zu?

Frank Wernitz: Eine große. Auch wenn sich quantitative Datenerhebungsmethoden inzwischen stärker durchgesetzt haben als qualitative. Der Vorteil liegt hier ja auch klar auf der Hand: Wenn man für eine Untersuchung einen Fragebogen erstellt, in dem die Befragten die jeweils für sie zutreffenden Antworten einfach ankreuzen, lassen sich diese Daten später statistisch auswerten und besser vergleichen. Allerdings ist die Sachlage in vielen Fällen nicht ganz so übersichtlich. Und genau dann kann eine qualitative Methodik, also zum Beispiel ein Experteninterview, die richtige Wahl sein. Zum Beispiel wenn es keine Theorie gibt, die man in einem „Ankreuz-Fragebogen“ abbilden kann, sondern differenzierter auf bestimmte Themen eingehen möchte.

Warum wird es so viel genutzt und welche Alternativen gibt es?

Wernitz: Zum einen, weil es abhängig von der Fragestellung und dem Stand des theoretischen Wissens möglicherweise keine sinnvolle methodische Alternative gibt. Im Zusammenhang mit Prüfungsleistungen spielt meiner Ansicht nach noch ein weiterer Grund eine große Rolle: Die Entscheidung für das Experteninterview fällt wahrscheinlich häufig deshalb, weil es für eine vermeintlich einfache Methodik gehalten wird. Dabei wird aber der recht hohe Aufwand unterschätzt, der betrieben werden muss, um die Interviews tatsächlich zu führen. Neben einer ordentlichen Vorbereitung inklusive Interview-Leitfaden steht nämlich vor der Verwertung in der Prüfungsarbeit noch die Transkription, also die Verschriftlichung des Interviews in Textform, sowie die Auswertung des Interviews an. Insgesamt ist der Aufwand weit höher, als die meisten denken.
Mögliche Alternativen hängen mit dem Forschungsstand und der Forschungsfrage einer Untersuchung zusammen. Es ist in vielen Fällen sogar zweckmäßig, verschiedene Methoden zu kombinieren.

Warum ist es wichtig, beim Experteninterview mit einem Leitfaden zu arbeiten?

Wernitz: Es gibt Interviewformen, die auch ohne einen Leitfaden auskommen. Das ist immer dann der Fall, wenn ausdrücklich erwünscht ist, dass der Befragte in hohem Maße seine eigenen Assoziationen, Meinungen und Gedanken offenbart, ohne dass dieser Gedankenfluss vom Interviewer „verzerrt“ wird. Im Bereich der Wirtschaftswissenschaften ist dieser Ansatz allerdings seltener anzutreffen. Ziel ist hier meistens, bestimmte Gesetzmäßigkeiten in einer Menge von Einzelfällen aufzufinden und nicht so sehr, den spezifischen Einzelfall in allen Facetten zu untersuchen.

Welche Auswirkung hat die neue Datenschutzverordnung auf die wissenschaftliche Forschung mit Hilfe von Experteninterviews?

Wernitz: Tatsächlich liegt zu diesem praktisch auch sehr wichtigen Thema noch keine mir bekannte aktuelle Literatur vor. Im Kern geht es bei der DSGVO ja um Informations- und Dokumentationspflichten. Daher müssen auch die bei einem Experteninterview anfallenden Daten in entsprechender Weise erhoben und weiterverarbeitet werden. Durch Art. 5 Abs. 2 DSGVO entsteht eine neue Rechenschaftspflicht der verantwortlichen Forschenden, nämlich jederzeit nachweisen zu können, dass die datenschutzrechtlichen Anforderungen auch tatsächlich eingehalten werden. Dies reicht weiter als die alten Bestimmungen im Bundesdatenschutzgesetz und macht in vielen Fällen eine Überarbeitung der Dokumentationsunterlagen beziehungsweise deren Neuerstellung erforderlich. Darüber hinaus muss aber auch geklärt werden, wie nach erfolgter Analyse mit den Daten verfahren wird, die zumeist auf dem Rechner der Forschenden gespeichert sind.
Ich selbst bin kein Jurist und daher mit endgültigen Aussagen zum korrekten Einbezug der DSGVO vorsichtig; aber ich finde das Thema überaus interessant und natürlich hochgradig praxisrelevant, so dass ich gerne daran weiterarbeiten möchte, am liebsten zusammen mit einem ausgebildeten Wirtschaftsjuristen. Vielleicht findet sich ja auf diesem Wege ein Kooperationspartner aus den Reihen der IUBH, der mich unterstützen möchte.

 

Frank Wernitz ist seit April 2016 Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der IUBH Duales Studium am Standort Düsseldorf. In seiner Freizeit spielt er gerne Gitarre oder geht tauchen.

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