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„Barrierefreiheit ist ein Qualitätsmerkmal“

Am 6. Juni findet am Campus Dortmund das Forum „All Inclusive? Barrierefrei reisen – Mehrwert für alle“ statt. Warum barrierefreier Tourismus wichtig ist und wie die beiden Disziplinen Tourismuswirtschaft und Soziale Arbeit dazu stehen, haben wir uns von den Professoren Dr. Peter Neumann und Dr. Ingo Zimmermann erklären lassen.

 

IUBH: Warum brauchen wir barrierefreien Tourismus?

Peter Neumann: In ganz Europa ist der barrierefreie Tourismus ein echter Wachstumsmarkt – nicht zuletzt aufgrund des demografischen Wandels. Unsere Gesellschaft wird älter, und damit steigt auch die Zahl mobilitätseingeschränkter Menschen. Nach einer Studie, die ich mit Kollegen für die EU-Kommission erarbeitet habe, werden jährlich über 780 Millionen Tages- oder Mehrtagesreisen in der EU von Personen unternommen, die hinsichtlich ihrer Mobilität und Aktivität eingeschränkt sind. Sie generieren damit derzeit einen Gesamtumsatz von 786 Milliarden Euro, was einem Anteil von 3 Prozent am Bruttoinlandsprodukt der EU entspricht. Hier gibt es noch viel Luft nach oben: Würden touristische Einrichtungen ihre Barrierefreiheit deutlich steigern, könnte der Beitrag dieser Gäste um fast 40 Prozent steigen.

Ingo Zimmermann: Außerdem geht es bei barrierefreien Angeboten immer auch um gesellschaftliche Teilhabe. Dazu gehören neben Schule, Ausbildung, Beruf und selbstständiger Lebensführung eben auch Reisen und Freizeitgestaltung. Der Ausschluss von beeinträchtigten Menschen aus diesen Bereichen führt zu einer Sonderstellung und damit zu gesellschaftlicher Stigmatisierung und Ausgrenzung. Mit anderen Worten: Niemand IST behindert, er WIRD durch die Ausgrenzung behindert. Um dagegen anzugehen, ist es wichtig, dass auch Menschen mit Beeinträchtigungen reisen können.

IUBH: Wer ist die Zielgruppe von barrierefreiem Tourismus?

Ingo Zimmermann: Aus Sicht der Sozialen Arbeit alle Personen mit gesellschaftlichem Inklusionsbedarf. Das sind sowohl körperlich beeinträchtigte als auch kognitiv, psychisch und sozial beeinträchtigte Personen sowie Menschen mit Demenz. Die genauen Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Neben dem pflegerischen und pädagogischen Unterstützungsbedarf dürfen auch soziale und kulturelle Aspekte nicht außer Acht gelassen werden.

Peter Neumann: Aber man darf auch nicht vergessen: Barrierefreie Angebote bieten im Endeffekt Vorteile für alle Urlauber. Familien mit kleinen Kindern profitieren von einer großzügig bemessenen, ebenerdigen Dusche oder einer Abstellmöglichkeit für den Kinderwagen ebenso wie ein Rollstuhlfahrer oder ein älterer Gast mit Gehhilfe. Jeder Gast mit einem schweren Koffer wünscht sich einen stufenlosen Zugang zu seinem Hotelzimmer, und jeder ist froh über eine übersichtlich gestaltete und einfach zu bedienende Internetseite. Grundsätzlich gilt: Barrierefreiheit ist für 10 Prozent der Bevölkerung unabdingbar. Für 40 Prozent notwendig. Und für 100 Prozent komfortabel und ein Qualitätsmerkmal.

Ingo Zimmermann: Das stimmt. Außerdem ist auch aus Sicht der gesellschaftlichen Teilhabeforschung eine inklusive Sichtweise wünschenswert. Reine „Behindertenhotels“ sind wenig hilfreich, um Ausgrenzung zu minimieren. Stattdessen muss es einen Fokus auf gemeinsame Urlaube von beeinträchtigten und nicht beeinträchtigten Personen geben.

IUBH: Was sind die Herausforderungen für Reiseveranstalter und Unterkünfte, die barrierefreien Tourismus anbieten wollen?

Ingo Zimmermann: Sie müssen sich mit Behinderungen und motorischen, seelischen und kognitiven Beeinträchtigungen auskennen, um die Bedürfnisse dieser Zielgruppe zu ermitteln und zu decken. Da es vielen Reiseveranstaltern an dieser fachlichen Perspektive fehlt, mangelt es oft an Verständnis und kompetenter Unterstützungsleistung. Aber es gibt auch wirtschaftliche Herausforderungen, da Reisende mit Behinderungen zwar mehr Personal benötigen, aber oft über geringe finanzielle Mittel verfügen.

Peter Neumann: Andererseits gibt es hier auch viel ungenutztes wirtschaftliches Potenzial. Um das zu nutzen, muss vor allem die Angebotsqualität steigen und über rein touristische Leistungen hinausgehen. Schließlich besteht aus Sicht des Gastes das Urlaubserlebnis nicht nur aus einem – barrierefreien – Hotelzimmer oder Restaurant. Die Herausforderung für eine Destination ist vielmehr, die gesamte touristische Servicekette für alle Gäste erlebbar zu machen. Das beginnt bei der Information über Urlaubs- und Freizeitangebote im Internet und in Printprodukten und schließt auch die Transportmöglichkeiten zur und innerhalb der Destination ein. Es geht aber keinesfalls nur um Infrastruktur. Ein am Kunden orientierter Service, der die Vielfalt der Gäste und die Differenziertheit ihrer Anforderungen berücksichtigt, ist von ebenso großer Bedeutung.

IUBH: Und was wird von der Zielgruppe tatsächlich gewünscht? Klassische All-Inclusive-Urlaube, Städtereisen, Urlaub auf dem Land?

Ingo Zimmermann: Ich denke, das ist sehr unterschiedlich und richtet sich nach individuellen Wünschen. Wie vorhin schon erwähnt, ist die finanzielle Situation von Menschen mit relevanten Beeinträchtigungen nicht immer leicht. Daher wäre es vor allem wichtig, Angebote zu etablieren, die sie sich leisten können. Wer in Deutschland motorisch, kognitiv, psychisch beeinträchtigt ist, ist in der Folge auch ökonomisch beeinträchtigt, was die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe stark einschränkt. Dagegen muss etwas getan werden. Ich sehe das durchaus auch als eine politische Herausforderung.

Peter Neumann: Hier sind noch viele Fragen offen. Betrachtet man die Zielgruppe der Menschen mit Aktivitäts- oder Mobilitätseinschränkungen und ältere Gäste, so konnten wir feststellen, dass diese ihren Urlaub überdurchschnittlich häufig in deutschen Reiseregionen verbringen und selten alleine unterwegs sind. Wie andere Gäste verreisen auch sie mit ihren Familien, mit Kindern, Partnerinnen und Partnern oder mit Freunden – und zwar verstärkt in der Nebensaison. Um hier mehr Informationen zu bekommen, unter anderem auch was den Gästen besonders wichtig ist oder welche Reiseziele und Informationsquellen sie bevorzugen, bereitet die IUBH gerade mit Projektpartnern eine Online-Umfrage unter beeinträchtigten Reisenden und ihren Angehörigen und Freunden in ganz Deutschland vor.

IUBH: Das klingt, als könnten sich die beiden Disziplinen ergänzen und unterstützen.

Ingo Zimmermann: Auf jeden Fall. In der Sozialen Arbeit kennen wir die Bedürfnisse der Zielgruppe sehr gut, da sie schon lange Forschungsgegenstand unserer Disziplin ist. So können wir sicher hilfreiche Erkenntnisse für die Tourismuswirtschaft liefern.

Peter Neumann: Touristikexperten wiederum kennen die Voraussetzungen und Ziele der Branche und können realistisch einschätzen, was im Hinblick auf Barrierefreiheit umsetzbar ist. Das Zusammenspiel beider Disziplinen kombiniert das Wissen um Zielgruppe und Anbieter meiner Meinung nach optimal.

Ingo Zimmermann: Ich denke, dass es hier auf jeden Fall einige Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt, die sicherlich auch auf unserem Forum „All Inclusive? Barrierefrei reisen – Mehrwert für alle“ am 6. Juni in Dortmund zur Sprache kommen. Daher freue ich mich schon sehr auf den Austausch mit unseren Gästen.

IUBH: Dann drücken wir die Daumen, dass die Veranstaltung ein Erfolg wird. Vielen Dank für das Gespräch.

 

Interessierte Unternehmen können sich bis zum 31. Mai unter dortmund@iubh-dualesstudium.de anmelden. Die Teilnahme ist kostenfrei!

 

barrierefreiProf. Dr. Peter Neumann erwarb seinen Doktor in Geographie an der Universität Münster und promovierte auch dort. Zwischenzeitlich gründete er das Beratungsunternehmen NeumannConsult mit Standorten in Münster und Erfurt. Im Oktober 2014 erhielt er eine Berufung zum Professor für Tourismuswirtschaft an der IUBH Duales Studium und wurde 2015 zum Vorsitzenden des Beirats der Thüringer Tourismus GmbH berufen.

 

 

 

barrierefreiProf. Dr. Ingo Zimmermann ist Diplompädagoge und promovierter Gesundheits- und Pflegewissenschaftler. Er war mehrere Jahre psychotherapeutisch in unterschiedlichen psychiatrischen Kliniken tätig und hatte eine Professur für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule in Münster inne. Ferner ist er seit vielen Jahren freiberuflich Leiter von Dr. Zimmermann Consulting. An der IUBH Duales Studium ist er Professor für Soziale Arbeit.

 

 

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