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Auch Unternehmen müssen sich bewerben

Tipps, wie man sich bewerben soll, gibt es zahlreiche im Internet. Doch was ist mit den Unternehmen, die eine Position ausschreiben? Auch hier müssen Regeln eingehalten werden, fordern IUBH-Dozent Jan Steffen und Michela Ivano. Denn schließlich bewirbt man sich gegenseitig beieinander.

 

Auf zahlreichen Kanälen wird uns detailliert erklärt, wie man sich als Bewerber zu verhalten hat, um Erfolg bei der Jobsuche zu haben – das geht mit der Erstellung der Bewerbungsunterlagen los und endet mit dem Auftreten beim Vorstellungsgespräch.

Bewerber sollen jung sein, zugleich am besten zehn Jahre Berufserfahrung aufweisen, stilistisch makellose Unterlagen einreichen, klassische Wege einschlagen und bloß nicht aus der Reihe tanzen, selbstbewusst und gleichzeitig devot auftreten usw. Karriere-Experten geben einem dazu Tipps für Vorstellungsgespräche: Wie kleiden? Wann genau da sein? Wie reden? Wie vorbereiten? Wie auftreten? Welche Fragen stellen? Wie verabschieden? Ehrfürchtig soll der Bewerber der „Übermacht potenzieller Arbeitgeber“ gegenübertreten.

Runter vom Sockel

Durch diese Tipps stellt man als Bewerber das Unternehmen unwillkürlich auf ein Podest und siedelt sich selbst als niederer Bittsteller an. Und die Unternehmen fühlen sich königlich wohl in ihrer Rolle als diejenigen, die in dem Moment über den Verlauf eines Berufsweges entscheiden und die sich dabei vermeintlich alles erlauben dürfen.

Wir kommen also ganz easy an Informationen ran, wie man sich als Bewerber zu verhalten hat. Doch vice versa? Nichts. Gähnende Leere. (An dieser Stelle möchten wir inständig für einen Bewerbungsmanagement-Knigge für Unternehmen plädieren.) Dabei ist die oben beschriebene Kultur ungefähr so passé wie Erbseneintopf. Arbeitgebern sollte bitte bewusst werden, dass auch sie sich in ihrer Kommunikation und Präsenz bei den Kandidaten bewerben und sie ihre Vakanzen sicher nicht gefüllt bekommen, wenn sie nicht von ihrem hohen Sockel heruntersteigen.

Bewerbung Step by Step

Der erste Schritt ist die Stellenanzeige. Sie ist das Bewerbungsschreiben des Unternehmens an potenzielle Bewerber. Das scheint erstaunlich wenigen bewusst zu sein. Eine schier endlose Auflistung unfreundlich formulierter Anforderungen und null Gründe, warum ein Bewerber auf diese Anzeige reagieren sollte, ist die Realität.

Weiter geht es mit der Kommunikation. Wie verhalte ich mich als Personaler mit den eingehenden Bewerbungen? Anscheinend auch heute noch en vogue ist es, Bewerbungen, die einem womöglich gerade nicht passen, zu ignorieren, nicht zu beantworten oder auch immer wieder schön: ein halbes Jahr später zu beantworten. Frau Ivano hat erst gestern einen Anruf mit Jobangebot auf eine Initiativbewerbung erhalten, die sie im Januar dieses Jahres verschickt hatte! Ist es denn wirklich so schwierig, dem Bewerber zwei bis drei Zeilen zu widmen? Und dann entschuldigte sich die freundliche Dame noch nicht mal.

Schritt drei: Das Vorstellungsgespräch. Die Einladung zum persönlichen Kennenlernen ist ausgesprochen – und nun? Der Bewerber dreht bei den Vorbereitungen fast durch, so nervös ist er. Der Unternehmer hingegen bereitet sich kaum vor, schafft es gerade noch rechtzeitig den Lebenslauf auszudrucken und empfängt so den Bewerber, für den es gerade um alles geht. Allein das lässt schon beträchtlich an Wertschätzung missen.

Häufig wird das Vorstellungsgespräch dann von mehreren Personen geführt, was schon einschüchternd wirken kann. Sie betrachten das Gespräch eher als nette Kaffeepause, ständig mit dem Handy in der Hand. Die einen reden mehr über sich, als das Gegenüber zu Wort kommen zu lassen, die anderen stellen die klassischen (unnützen) Fragen wie „Was sind Ihre Stärken und Schwächen?“, und wiederum andere geben alles darum, den Bewerber aus dem Konzept zu bringen, indem sie zum Beispiel seine Vita kritisieren und unangemessen hinterfragen, was bis zur Respektlosigkeit gehen kann.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Ein beispielhafter Fall sollte hier noch erwähnt werden. Eine namhafte Reederei, die auch als bester Arbeitgeber des Landes ausgezeichnet wurde, lud Frau Ivano zum Interview ein. Zwei Damen, die wie Tratschschwestern die Köpfe zusammensteckten, erzählten davon wie toll sie seien, stellten wenige Fragen und kritisierten Frau Ivano danach in einer respektlosen Art und Weise dafür, dass sie es gewagt habe, sich keine Notizen zu machen. „Sie wollen uns doch nicht sagen, dass Sie sich das alles merken können? Also uns konnten Sie nicht überzeugen, aber wir möchten Ihnen mit einem schriftlichen Test noch eine Chance geben.“ Die Königinnen ihres eigenen Reiches staunten nicht schlecht, als Frau Ivano diesen zehnseitigen Test fehlerfrei bestand, boten ihr darauf direkt den Job an und riefen sie eine Woche lang täglich an, um sie einzustellen. Da dämmerte es ihr das erste Mal: „Wer muss hier eigentlich wen überzeugen? Bewerben ist keine Einbahnstraße, bei der ich mich als Bewerber erniedrigen muss und nichts von meinem Gegenüber erwarten darf. Wir müssen einander überzeugen.“ Das Jobangebot lehnte sie selbstverständlich ab, denn nicht nur sie als Bewerber musste sich präsentieren und von ihrer besten Seite zeigen, das sollten die Repräsentanten des Unternehmens mindestens genauso tun.

Leider ist so etwas in vielen Unternehmen gelebte Praxis. Wir möchten bei unseren Ausführungen nicht verallgemeinern, es gibt sicher auch positive Ausnahmen, aber wir gehen auf den Großteil ein, der sich bei diesem Thema nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Dabei greifen wir auf eigene Erfahrungen, auf die von Freunden und Bekannten zurück sowie auf das, was Herrn Steffen als Tourismus-Dozent an der IUBH zugetragen wird.

Gegenseitiger Respekt als Grundlage

So bleibt uns ein gutgemeinter Rat an die reflektierten Unternehmer und Personaler da draußen, sich und ihre Herangehensweisen zu hinterfragen. Wie präsentieren wir uns? Tragen wir nach außen, was innen gelebt wird? Welchen Eindruck hinterlassen wir? Behandeln wir unser Gegenüber, so wie wir es uns umgekehrt wünschen würden? Ist uns bewusst, dass jeder Bewerber und sein Umkreis immer auch ein potenzieller Kunde ist?

Euch lieben Bewerbern da draußen möchten wir eines mit auf den Weg geben: Geht niemals demütig in ein Gespräch, begegnet euren Gesprächspartnern selbstbewusst und auf Augenhöhe. Bleibt höflich, aber lasst euch nicht alles gefallen. Wenn ein Unternehmen einen schlechten Eindruck bei euch hinterlässt, hört auf euer Bauchgefühl und lehnt ein eventuelles Angebot ab. Selbst wenn ihr am Ende enttäuscht seid, denkt daran, „es hat nicht sollen sein“ und es war eine Übung auf dem Weg zu eurer persönlichen Bestimmung.

 

Jan Steffen ist nicht nur geschäftsführender Gesellschafter der eto Personalmarketing GmbH, sondern auch seit 2017 als Tourismusdozent an der IUBH tätig. Neben einer Berufsausbildung im Hotelfach hat er ein Studium im Bereich Hotel- und Tourismusmanagement absolviert. Seine weitreichenden Berufserfahrungen, insbesondere in leitenden Funktionen, sammelte er in der bundesweiten Hotellerie sowie in der Flusskreuzfahrt. Im vergangenen Jahr gründete er sein eigenes Unternehmen, das sich vornehmlich mit Personalmarketing, Markenbildung und Mitarbeiterzufriedenheit beschäftigt.

 

 

Michela Ivano ist als Projektleiterin bei der eto Personalmarketing GmbH tätig. Als gelernte Fremdsprachenkorrespondentin mit Touristik-Fernstudium zog es sie in die internationale Hotellerie und die Kreuzfahrtbranche, wo Frau Ivano selbst nicht nur über mehrere Jahre bei Schiffseinsätzen, sondern auch in führenden Positionen an Land tätig war. Neben Resort-Management-Erfahrungen in Ghana und Hotel- & Human-Resources-Erfahrungen in der Schweiz war sie auch mit der Leitung der Hotel Operations eines Kreuzfahrtschiffes betraut.

 

 

 

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